Martin Bock erklärte das Vorgehen bei den Entschädigungszahlaungen.


Tone Kristan wartet noch heute daruf - seine Lager-Nummer hat er auch noch.


kako obvešèamo nemško javnost | Eröffnung der Ausstellung in Nürnberg 3. 2. 2009  

  ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG IN NÜRNBERG 3. 2. 2009

Ein langer Kampf gegen das Vergessen

ERÖFFNUNG: Eine Ausstellung im Dokumentationszentrum klärt über das Schicksal der Slowenen in der NS-Diktatur auf-bislang ein weißer Fleck in der Geschichte.

VON EVA GAUPP

NÜRNBERG. Er war der Nummer 2422. In ein bräunliches ovales Metallschild sind die Ziffern eingestanzt. An einem Stück Paketschnur baumelt es am hals von Tone Kristan. Er hat es noch. Mehr als 60 Jahre später. So wie die Erinnerungen an die verschleppung, die gefangenschaft, die Zwangsarbeit und die Rückkehr ins Nichts für immer in seinem Gedächtnis eingestanzt sind. Bilder von nackten Leichen, die lastwagenweise in Gräben gekippt wurden. "das werde ich nie vergessen", sagt der kleine Mann aus Slowenien.

Doch bei der Eröffnung der Ausstellung im Dokomentationszentrum Reichsparteitagsgelände lernen die rund 30 Besucher keinen verbitterten oder gar hasserfüllten alten Mann kennen. Der Initiator dieser historischen Ausstellung über das Schicksal der Slowenen unter der NS-Diktatur ist offen, schmunzelt gern und oft, seine blauen Augen blicken freundlich in die Welt.

Über Jahre hinweg hat die slowenische Vereinigung der Okkupationsopfer historische dokumente, Fotos und Zeitzeugenberichte zusammengetragen, um die Öffentlichkeit über ihr Schicksal aufzuklären. Denn dieses war über lange zeit ein weißer Fleck bei der Aufarbeitung der Cergangenheit. Seit Dienstagabend sind sie 13 tafeln unter dem Titel "Eintrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu sehen.

Die Tafeln stellen Slowenien vor-als "Land an der Sonnenseite der Alpen", mit schneebedeckten Bergen, blauen Seen und temperamentvollen Lipizzanern. Neben den farbenprächtigen Fotos von heute hängen die Bilder von einst: In Schwarzweiß und Braun zeigen sie deutsche Soldaten, die slowenische familien zusammentreiben, aus ihren Häusern holen.

Lager in Bayern werden vorgestellt, darunter Neumarktm seligenporten und vor allem Kastl, wo auf der Klostergurg das größte Lager für Kinder und Kriegswaisen eingerichtet war. "Die Umerziehung war hart und das Regime sehr streng", steht darunter. Die Erinnerungen sind von Überlebenden verfasst, es ist keine didaktisch ausformulierten Erläuterungen.

"Diese Sache können wir nicht verdauen, das ist einfach zu viel, deshalb machen wir das", sagte Kristan, der fließend Deutsch spricht. "Die Jugend soll wissen, was war und daf'ür sorgen, dass so etwas nie mehr passiert". Aufklärung ist das oberste Ziel Vereinigung. Denn ihr Schicksal wurde lange unbekanntes Thema in Deutschland. Erst die Vereinigung hat es an die Öffentlichkeit gebracht", sagte Dr. Eckart Dietzfelbinger in seinen einführenden Worten. Der wissenschaftliche Mitarbeiter im Dokuzentrum steht seit zehn Jahren in kontakt mit Tone Kristan, der bis von kurzem der Präsident der Vereinigung gewesen ist. Nürnberg hat das Thema aufgegriffen, 2003 fand das erste Symposium über die Rassen- und Umsiedlungspolitik der Nazis in Slowenien statt, 2005 erschien ein Buch.

Doch das sind nur kleine Etappenerfolge. Auch wenn sich Tone Kristan über diese Aufmerksamkeit sehr freut: "Das ist nicht mit Geld zu bezahlen", sagte er immer wieder. Denn der Mann aus Kranj hat noch ein zweites Ziel; "Wir hoffen immer noch auf eine Entschädigung". Bislang habe nur ein Zehntel der Betroffenen in Slowenien eine zahlung vom deutschen Staat erhalten. Von den 180.000 Verschleppten leben heute nur nocht rund 35.000.

Dabei gehe es der Vereinigung jedoch nicht um droße Summen. "Es wäre schön, wenn jeder regelmäßig in ein Thermalbad gehen könnte. Das würde den leute gut tun." Bislang sind die slowenischen Zwangsarbeiter durch alle juristischen Raster gefallen. Nicht nur in deutschland. Aush in Italien.

"Ich möchte mich bei Ihnen stellvertretend entschuldigen, f'ur das, was unsere Väter ihnen und ihrem Volk angetan haben". Die Worte eines Mittfünfzigers aus dem Publikum kamen spontan. Er war zu der Eröffnung gekommen, um mehr über seinen Vater zu erfahren. Dieser sei als Soldat in Slowenien gewesen. "Aber er hat nie etwas erzählt. Ich wollte wissen, was dort passiert ist. Jetzt weiß ich es."


Wer reicht die Hand?

Kastl, Neumarkt, Seligenporten, Nürnberg - wenn über das Schicksal von Slowenen während der nazi-Diktatur die Rede ist, fallen auch Namen aus unserer Region. Was vor 60 Jahren geschehen ist, ist noch lange nicht vorbei. So lange Menschen leben, die von deutschen Soldaten aus ihren Häusern gejagt, vertrieben, verschleppt und zu Zwangsarbeit verpflichtet wurden, besteht auch die Forderung nach Entschädigung. Die meisten slowenischen Zwangsarbeiter sind aufgrunt juristischer Spitzfindigkeiten durch das Raster gefallen, sie erhalten kein Geld aus der bundesdeutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, und Zukunft". Doch es geht auch nicht nur um Geld. Mit keiner Summe könnten diese Menschen für das entschädigt werden, was sie erlitten haben. Die Forderung nach Entschädigung ist auch der Wunsch, wahrgenommen zu werden. Ein Wunsch, der leicht zu erfüllen ist.

Doch auch er wird ihnen meist verwehrt. Die Vereinigung der Okkupationsopfer hat kein Geld- und damit auch keine Lobby, 30 personen kamen zu der Ausstellungseröffnung. Vertreter aus der Politik? Fahlanzeige. Vertreter aus dem Landkreis Neumarkt? Fehlanzeige. Es besteht kein Interesse. Niemand will sich offenschichtlich mit diesem teil der Geschichte unserer region auseinandersetzen. Zumindest nicht von Angesicht zu Angesicht. Das Schweigen und das Negieren ist die zweite Demütigung die diese Menschen erleben müssen.

Es geht nicht darum, vor Schuldbewusstsein im Staub zu kriechen, es geht darum, deutlich zu machen, dass wir uns unserer Vergangenheit bewusst sind und dass wir nischt vergessen, was einst geschehen ist. Es geht darum, die hand zu reichen.

WEITERE VERANSTALTUNGEN

- Vortrag: "NS-Unrecht in Slowenien und seine Spuren in Bayern." Dr. Eckart Dietzfelbinger; Dinstag, 17.februar, 19 Uhr: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

- Diskussion: "Die Rechnung der Opfer". Zur problematik der Entschädigung für slowenische Okkupationsopfer; mit einem vertreter der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, und Zukunft"; Dinstag. 10.Marz, 19 Uhr: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

- Ausstellung: "Eintrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien." noch zu sehen bis 3. Mai 2009.