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  ERSATZ-EINLEITUNG

Vom 22. 8. 2011

1. Bundeskanzleramt
     Bundeskanzlerin Angela Merkel
2. Deutscher Bundestag
     Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert
3. Bundespräsident Christian Wulff
4. Alle Bundestagsfraktionen

ERSATZ-EINLEITUNG

Ich empfehle allen Adressaten und Empfängern dieses Briefes ihn mit großer Sorgfalt zu lesen und sich Gedanken über den Inhalt zu machen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der Grund für diesen Abschiedsbrief ist die Antwort, die wir vom Petitionsausschuss (Pet. 2-17-08-250-008954) am 15.6.2011 mit der Beschlussempfehlung des Bundestags (Anl. 4 z. Prot 17/38) in Form eines Briefes erhalten haben. Mit diesem Brief wurde unsere Forderung nach einer Entschädigung für die slowenischen Opfer des Nazismus endgültig abgelehnt.
Die grobe Ablehnung hat uns alle geschockt. Ich habe über jeden einzelnen Satz dieser Ablehnung nachgedacht und ihn analysiert.
Weil mich der Brief zutiefst verletzt hat (nicht nur mich), habe ich lange darüber nachgedacht, wie und was genau ich als Antwort schreiben soll, was bei solch einem Brief nicht leicht ist.
Ich habe mich für einen Mitteilungsbrief an die Adressanten entschieden. Vielleicht wird er sie dazu bewegen in sich zu kehren und über das Leiden des slowenischen Volkes vor 70 Jahren nachzudenken. Auch unsere deutschen Freunde und alle, die den Leidensweg des slowenischen Volkes kennen, können nicht glauben, dass ihr Land so kaltherzig und ungerecht ist. Es beachtet die grundlegenden Rechte des Menschen nicht. Ich weiß, dass es nichts nutzt, aber ich werde trotzdem kurz ein paar bezeichnende Ereignisse, allgemeine und persönliche, erläutern:

A. IM ALLGEMEINEN
Als die Nazis im Jahr 1941 unsere Heimat besetzt haben, begannen sie sofort mit Hilfe vorgefertigter Listen mit Festnahmen, Liquidierungen und Vertreibungen, und zwar trafen diese Maßnahmen die Intelligenzschicht und registrierte Nazi-Gegner.
Was folgte waren Konzentrationslager, Straf- und Arbeitslager sowie politische Gefängnisse. Weil sich die Nazis entschlossen unsere Heimat für sich zu behalten, wurde das slowenische Volk ZUR VERNICHTUNG verurteilt.
Man stellte schnell fest, dass es nicht möglich sein wird das ganze Volk auf Hinrichtungsstätten zu bringen. Deswegen wurde ein teuflischer Plan ausgeheckt, um die große Mehrheit des Volkes zu vertreiben. So wurden 68.000 Menschen in den Südens des Balkans und das Deutsche Reich vertrieben. 18.000 Menschen konnten einer Festnahme oder Vertreibung entfliehen. 22.000 Menschen wurden in KZ Lager gebracht. 80.000 waren in politischen und Strafgefängnissen.
Nationalbewussten slowenischen Familien wurden cca 1100 Kinder weggenommen (gestohlene Kinder), von Babys bis 13-Jährigen, die in 10 Umerziehungslager kamen oder adoptiert wurden. Die Eltern wurden auf Hinrichtungsstätten oder in KZ-Lager (Krematorien) gebracht. Auf die eine oder andere Art und Weise litten 180.000 slowenische Opfer. ? hat dieses Leiden nicht überlebt.

B. PERSÖNLICHES
Wahrscheinlich können sie sich schwer vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man einfach abgeholt wird, ohne das bereits vorbereitete Mittagessen genießen zu können und dabei Waffen auf einen gerichtet werden. Das passierte unserer Familie (wie auch Tausend anderen Familien) am 25. Oktober 1941 um 12.00 Uhr. Dieses Mittagessen, wie auch das gesamte Vermögen, ist für immer verloren gegangen.

Wir wurden von zu Hause weggebracht, ohne dass auf unseren gesundheitlichen Stand Acht gegeben wurde. Meine Mutter musste sich mit einem gebrochenen Rückgrat und ohne dass sie sich richtig bewegen konnte auf den Weg machen. Mein Vater, mein Bruder und ich mussten ihr helfen.
Bei einer anderen Familie wurde ein 90-jähriger, schwer Kranker weggebracht, der danach im Wagon auf halbem Weg nach Deutschland starb. Die Nazis nahmen ihn aus dem Wagon und der Zug fuhr weiter. Die Hinterbliebenen wissen noch immer nicht in welchem Ort das war und wo er begraben ist.
Im Exil durchlebte jeder seinen eigenen Leidensweg und kämpfte um sein Leben. Viele haben diesen Kampf nicht überlebt. Wie z.B. im KZ Lager Neuengamme Hamburg, wo 500 von 700 Slowenen dieses Leiden nicht überlebten.
Am anderen Ende Europas, im Süden Serbiens, wohin in Viehwagons die Vertriebenen gebracht wurden (der erste Zug fuhr aus Slovenska Bistrica am 7. Juli 1941), wurde etwa die Hälfte in Mitten von Feldern und Wiesen (in der Wildnis) aus den Wagons verjagt. So mussten ganze Familien mit Rentner und Kindern ohne Essen und ohne ein Dach über den Kopf ganz alleine zu Recht kommen. In diesem Gebiet waren 18 Straf- und Arbeitslager, wohin etwa die Hälfte der 18.000 Vertriebenen gebracht wurde. Sie mussten in der Rüstungsindustrie und in Bergwerken des deutschen Reiches arbeiten.
Im Deutschen Reich selber waren 326 Lager (Volksdeutsche Mittelstelle), wohin 45.000 slowenische Vertriebene gebracht wurden. In der Exilzeit (4 Jahre) mussten alle, die irgendwie arbeitsfähig waren, arbeiten und zwar mussten wir meistens die schwersten Arbeiten, und das ohne Bezahlung, verrichten.

C. ENTSCHÄDIGUNGEN
Als im Jahr 1941 die Nazis die Slowenen anfingen wegzubringen, wusste keiner wieso und wohin sie gebracht werden (ins Unbekannte). Erst bei der Ankunft haben sie bemerkt, dass sie in KZ Lagern gelandet sind oder im Exil, etc. All diejenigen, die wir unser zu Hause verlassen mussten, verloren ALLES:
1. die menschliche Würde,
2. die eigene Identität. Man war nur noch ein Zahl,
3. das gesamte Vermögen,
4. die Existenz.

Wir mussten all das durchleben und mit viel Glück auch überleben. Nach vier Jahren, als wir nach Hause zurückkehrten, fanden wir, außer Schutt und Asche, nichts. Man musste aus Nichts sein zu Hause wieder aufbauen, weil der Winter vor der Tür stand. Gut, dass wir ans Hungern gewohnt waren, weil unter anderem auch nichts zu Essen gab.

Die jugoslawischen Behörden haben in den Jahren 1945 - 1947 den entstandenen Schaden registriert und wir dachten, dass wir den Schaden zurückgezahlt bekommen - WAS FÜR EIN IRRTUM. Nach 66 Jahren KÄMPFEN wir noch immer darum - und jetzt ist auch diese Möglichkeit verstrichen?!
Wir schickten den deutschen Behörden in den Jahren 1957, 1971 und 1991 (und auch bei anderen Gelegenheiten) ZUSAMMENFASSUNGEN von Protestversammlungen mit der Forderung nach Entschädigung für den materiellen und immateriellen Schaden, der vom nazistischen Okkupator verursacht wurde.
Die deutschen Bürokraten haben neben anderen schwachsinnigen Ausreden auch gemeint, dass es keinen Sinn macht die Probleme von damals zu behandeln, weil diese zu weit in der Vergangenheit liegen???
Ich frage mich, ob die oben genannten Jahre auch zu weit in der Vergangenheit lagen??? Solche unverantwortlichen und schwachsinnigen Ausreden habe ich noch nie gehört.
Nach ihrer Gründung hat die VEREINIGUNG DER OKKUPATIONSOPFER 1941 - 1945 KRANJ am 8.1.1998 einen Brief an die deutschen Behörden versandt, in dem sie offiziell eine materielle und immaterielle Entschädigung für den Schaden, der den slowenischen Opfern hinzugefügt wurde, forderte. Die deutsche Bürokratie hat sich gewundert woher wir kommen und sofort Panik geschlagen, dass Deutschland keinem was schuldet, weil angeblich Jugoslawien alles zurückgezahlt bekam?!

Als wir verlangten uns die Zahlen, Namen und Datum zu nennen, wohin das Geld geflossen ist, war auf einmal alles ruhig?! Aber die Behörden erfanden eine andere, noch dümmere Ausrede und zwar dass die ENTSCHÄDIGUNGEN FÜR DIE OPFER IM KREDIT, DEN MAN JUGOSLAWIEN GEGEBEN HAT, ENTHALTEN SIND?? (denkt man, dass wir komplett bescheuert sind?)

Weil sie solche Dokumente nicht hatten und weil sie gesehen haben bzw. ihnen gesagt wurde, dass sie sich mit dieser Ausrede komplett lächerlich gemacht haben, folgten lustige Ausreden.
Wir haben ihnen offiziell mitgeteilt, dass einem Vertrag nach ein KREDIT KEINE ENTSCHÄDIGUNG sein kann, auch nicht bei so günstigen Konditionen (der Kredit wurde bereits zurückgezahlt).
Wir suchten unser Recht bei deutschen Gerichten, wurden aber vom Bezirksgericht bis zum Verfassungsgericht abgelehnt mit an Haaren herbei gezogenen Ausreden. Wahrscheinlich gilt auch hier die Rede "eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus."
Auch der Bundestag bzw. der Petitionsausschuss kam mit Ausreden, wie z.B., dass man nicht die nötige Gesetzlage hat um die Entschädigungen zu zahlen und dass wir dazu nicht berechtigt sind.
Als wir ihnen mitgeteilt haben, dass solch eine Gesetzeslage existiert bzw. schnell verabschiedet werden kann, war wieder alles ruhig.
Ich denke, dass man hier vor allem an die Kinder, die ihren Eltern weggenommen wurden, denken muss. Man nannte sie "GESTOHLENE KINDER". Diese Kategorie der Opfer musste den größten Leidensweg gehen (auch nach dem Krieg) und erlitt den größten Schaden, weil die meisten nicht nur ihre Eltern und Verwandten verlor, sondern auch das Vermögen der Eltern. Viele wissen bis heute nicht vorher sie kommen und wer sie sind.
Als wir am 8.1.1998 unsere Forderung nach einer materiellen und immateriellen Entschädigung für die slowenischen Opfer des Nazismus bei der BRD einreichten, hätten wir uns nie gedacht, dass sich das ganze so lange hinziehen würde und noch weniger, dass wir am Ende mit leeren Händen dastehen werden.
Wir wissen, dass einen Großteil der Schuld unsere unfähigen und ängstlichen Regierungen, die seit der Unabhängigkeit regiert haben, tragen. Aber wir dachten, dass sich die BRD als fair erweißt. Es stimmt, dass ein kleiner Teil unserer Opfer etwas Kleingeld mit Hilfe des EVZ Gesetzes bekam (ca. 10%). Das sind KZ Insassen für die dieses Gesetz (auf internationaler Ebene) erlassen wurde.

Wir sind zutiefst verletzt über das, was wir in den letzten Jahren ertragen mussten. Die Enttäuschung über einen Staat, der sich für demokratisch, sozial und rechtfähig hält, ist groß. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir eine materielle und immaterielle Entschädigung bekommen müssten, vor allem weil von den 180.000 Opfern nur noch 30.000 bis 35.000 übrig geblieben sind.
Uns bleibt jetzt nichts anderes übrig, als dieses Kriegsleiden und die großen Schwierigkeiten, mit denen wir uns nach unserer Rückkehr auseinander setzen mussten, als wir mit Schwielen und hungernd das Nötigste fürs Überleben aufbauen mussten, zu vergessen.
Wir hoffen, dass die BRD mit diesem Kleingeld, das uns gehört hätte, reich werden wird. Wir haben für das Reich 4 Jahre Sklaverei durchlitten.

Ich habe mir gedacht, dass ich diese Geschichte niederschreiben muss, damit alle Bürokraten, die für diese Fiasko verantwortlich sind, wissen, dass hier ein Volk existiert hat und noch immer existiert, dass nicht wegen dem eigenen Verschulden viel durchlitten und verloren hat (nicht nur in materieller Hinsicht).

Falls die Möglichkeit besteht, bin ich immer bereit diese Problematik vor dem Bundestag oder einer anderen Behörde zu erläutern.

Ansonsten beende ich nach 13 Jahren mit diesem Brief die Korrespondenz mit den deutschen Behörden zu diesem Thema. Wir haben so viel durchlebt, also werden wir auch das, wenn auch mit einem fanden Beigeschmack, überleben.

Am Ende will ich noch einmal an die gültige gesetzliche Bestimmung erinnern, dass Kriegsverbrechen NIE VERJÄHREN!

Mit freundlichen Grüßen,

Tone Kristan
Ehrenpräsident

In Kenntnis:
- das Bundesverfassungsgericht der BRD

P.s.: Als ich am 8.1.1998 den ersten Brief schrieb, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich das
ganze mit so einem Brief beenden muss.